Temple de la Sagrada Família
Gaudís unvollendeter Traum, 1883-

weiterGrundriss der Sagrada Família

Sagrada FamíliaJose Maria Bocabella y Verdaguer war der geistige Urheber des ehrgeizigen Unternehmens, eine große Votivkirche zu Ehren der Heiligen Familie zu errichten. Die Idee war dem Besitzer einer religiösen Buchhandlung und Verfasser christlicher Schriften auf einer Reise nach Italien unter dem Eindruck der dortigen Kirchenbauten gekommen. Die Sagrada Família sollte ohne finanzielle Unterstützung vom Episkopat ausschließlich durch Spenden errichtet und erhalten werden. Das Projekt wurde dem Diözesanarchitekten Francisco del Villar anvertraut und 1882, am St. Josefstag, der Grundstein gelegt. Der Bauplatz befand sich in der „Neuen Stadt“ von Barcelona - der „Eixample“ am Fuße der Muntanya Pelada nahe der Gran Via Diagonal. Die P1äne Villars waren im Zeitgeschmack historischer Stilimitation gefertigt und paßten das Bauwerk auf recht konventionelle Art und Weise in die monotone quadratische Anordnung der Straßenzüge der Ensanche ein. Dennoch kam es bereits ein Jahr nach Baubeginn zu schweren Zerwürfnissen mit der Administration, die schließlich zum Rücktritt Villars führten. Bocabella schlug seinen technischen Ratgeber und Überwacher des gesamten Bauvorhabens, Juan Martorell, als Nachfolger vor; dieser lehnte jedoch angesichts der delikaten Umstände ab. Er empfahl statt dessen seinen jungen Assistenten, den gerade 31jährigen Gaudí, mit der gewaltigen Aufgabe zu betrauen, da er allein ihn für ausreichend qualifiziert erachtete. Bocabella vertraute dem eleganten jungen Mann, war jedoch über sein mangelndes religiöses Interesse betrübt. Gaudí setzte gleichwohl seine elitären Forderungen - völlige künstlerische Unabhängigkeit - durch und übernahm die Leitung der Bauhütte am 3. November 1883. Im Laufe der sich über 43 Jahre erstreckenden Arbeiten am Heiligen Tempel wandelte sich das zunächst rein berufliche Interesse Gaudís in tiefe Leidenschaft für diese Aufgabe, so daß Religion und Kunst sich zu einem großartigen Konzept vereinigten. Wir wissen nicht genau, wann sich der „lebensfrohe Dandy“ in einen allein Gott verpflichteten Architekten wandelte. Doch zwangsläufig mußte sein Verlangen nach künstlerischer Perfektion und Absolutheit ihn in die Nähe des »großartigsten Baumeisters«, wie er Gott selbst nannte, führen.

Sagrada FamíliaEs bedarf keiner Erklärung, daß Gaudí weder mit den Plänen Villars noch mit den Ansichten der Behörden übereinstimmte. Er selbst hätte die Gleichförmigkeit der Ensanche unterbrochen und den Bau in diagonaler Linie zur Avenida, die heute seinen Namen trägt. angeordnet. Bei dieser Lage wären die Türme dieses Bollwerkes des katholischen Glaubens ein Orientierungspunkt für die ganze Stadt gewesen, ein Symbol der Christianisierung des unruhigen Barcelona. Die Krypta zeigt noch wenig von Gaudís Architekturvorstellung und ist vom baulichen wie vom ästhetischen Standpunkt aus ein Werk der klassischen Gotik. Er war gezwungen, die bereits errichteten gebündelten Pfeiler, die den Hauptakzent setzen, einzubeziehen, änderte aber die geplanten Rundbögen in ein Stichkappengewölbe und nahm der Krypta den dumpfen Charakter, indem er sie mit einer Art Burggraben umgab und anstelle der vorgesehenen, bullaugenähnlichen Lichtöffnungcn mit großen Fenstern ausstattete. 1891 wurde bereits die erste Messe gehalten. Bei dem Bau der Apsis wandte sich Gaudí völlig von den neogotischen P1änen Villars ab. Die Fundamente waren zwar bereits erstellt und daher verbindlich für ihn, doch tritt seine völlig persönliche Auslegung der Prinzipien des gotischen Kirchenbaus in der Ausführung zutage. Das Problem der Ableitung des Gewölbedrucks war in seinen Augen nicht befriedigend gelöst worden, da er den Strebebogen als fantasielose Hilfskonstruktion verurteilte. Das Strebesystem, das die Druckkräfte vertikalisierte und durch die stützenden Elemente leitete, wird durch die Verstärkung dcr tragenden Elemente bzw. der Wände und durch eine geringere Raumhöhe ersetzt. Schon die Außenansicht der noch immer unvollendeten Apsis macht den Unterschied zur Krypta deutlich. Der glatte, kalte Stein ist durch eine lebhafte Oberflächentextur ersetzt worden, florale Motive glätten die harten Übergänge und bekrönen die sechs Spitztürme; die mittelalterlichen Tiersymbole sind „natürlich“ modelliert. Die traditionelle gotische Form der Fenster ist durch ein freies Bogen- und Kreissystem aufgelöst. 1893 nach dem Abschluß der Arbeiten an der Krypta und Apsis begann Gaudí mit der Gestaltung der Ostfassade, was zuerst auf heftige Kritik stieß. Die der Stadt zugewandte Westfassade erschien publikumswirksamer und daher vordringlich. Gaudí hielt jedoch an seinen P1änen aus thematischen Gründen fest, da die Geburt Christi, das Thema der Ostfassade, dem der Passion im Westen, entsprechend dcr Vita des Heilands, vorangehen sollte. Die dem Sonnenaufgang zugewandte Seite verkündet symbolisch die Geburt Jesu. Die Fassade ruht auf vier rechteckigen, diagonal gestellten Türmen, die, paarweise angeordnet, den Figuren als Gewände dienen. Diese Lösung gibt Raum für ein Haupt- und zwei Seitenportale.

Sagrada FamíliaVon der Schräge der Portalwege springen die laternenbekrönten Archivolten. Die Fassade besteht aus einem sich überlappenden Dreiecksystem, das durch den naturalistischen Schmuck überlagert wird. Der Aufbau der Fassadeninnenseite in einfacher geometrischer Form bildet das Gegenstück zu den heftigen Bewegungen der Außenseite. Das Triptychon wird durch zwei seitliche Laternen zusammengefaßt, über denen die Glockentürme aufragen. Die Säulen, Palmen nachempfunden, ruhen auf dem Rücken von Schildkröten. Der Figurenschmuck zeigt Episoden aus dem Leben Jesu, die Portale die Themen Glaube, Liebe, Hoffnung.

Das Portal der Liebe ist durch einen Pfeiler aus gebündelten Palmwedeln unterteilt. Ein kunstvolles Geflecht aus Schmiedeeisen umkränzt die Basis dieser Stütze in Naturformen. Die Schrägen des Einganges sind durch horizontale Kragsteine aufgelockert, die mit vegetabilen und zoomorphen Elementen überreich dekoriert sind. Der plastische Schmuck, Joseph, Maria, Jesus und musizierende Engel, ist locker über das gesamte Portal verteilt und verbindet sich mit den übrigen Ornamentformen. Seine ersten Skulpturen für die Fassade drei Versionen eines Engels - hat Gaudí nach Fotografien eines lebenden Modells gearbeitet. Die realistisch aufgefaßten Bildwerke sind durch einfache abstrakte Gestaltungen - konstruktiv bedingte Stützen mit eigener plastischer Wirkung - miteinander verbunden. Aus dem Giebel - der Glorie - wächst eine grüne Zypresse mit weißen Tauben: das Symbol der Reinheit. Ursprünglich plante Gaudí die Formen farbig zu fassen, Dunkelblau, Weiß und Silber sollten vorherrschen. Das Portal der Hoffnung zeigt in einer fantasievoll gestaltenen Nillandschaft die Flucht nach Ägypten und den Kindermord von Bethlehem. Bekrönt wird die lebhafte Szenerie durch eine allegorische Darstellung des Heiligen Berges Montserrat. Als dominante Farbe war Grün, die Farbe der Hoffnung, geplant.

Das dem Glauben gewidmete Portal zeigt den jungen predigenden Christus, die Heilige Elizabeth, Zacharias, Joseph und Maria. Gelb und Siena waren die vorgesehenen Polychromie, der reiche Pflanzenschmuck sollte in natürlichen Farben erscheinen.

Sagrada FamíliaNormalerweise befindet sich der Kreuzgang seitlich oder der Kirche vorgelagert, Gaudí hingegen umgab die Peripherie des Kirchenbaus mit einer Kreuzgangkonstruktion, um den Lärm der Straße zu dämpfen. Er besteht aus Kreuzgewölben, die in Giebel auslaufen, durchbrochen von Rosettenfenstern. Ausgeführt sind jedoch nur zwei Gewölbeeinheiten an den Seiten des Ostportals. Das Eingansportal ist der Jungfrau Maria vom Rosengarten gewidmet, und die Dekorationsformen sind diesem Thema verpflichtet.

Sagrada FamíliaDie vier 100m hohen Türme der Ostfassade sind das letzte unter Gaudís Leitung entstandene Werk. Er führte die ursprünglich rechteckig begonnenen Pfeiler durch einen genialen Kunstgriff als runde Türme fort. Mit Hilfe einer Galerie fing er die eckige Forrn auf und versteckte die Unebenheit hinter vier 14m hohen Apostelfiguren. Die spiralförmige Struktur der Türme mit einer Wendeltreppe besteht aus einem Rotationsparabol. Die Schlichtheit des Aufbaus wird paradoxerweise durch eine komplizierte Formenwahl erreicht: Ober einem Fenstersystem, das durch robuste Säulen geteilt und spiralenförmig angelegt ist, zieht sich ein horizontales Mauerband mit der sich wiederholenden Inschrift »Sanctus Sanctus«. Die folgende paraboloide Struktur der Türme besteht aus vertikalen Steinschichtungen mit verbindenden, schräggestellten jalousettenähnlichen Rippen. Form und Querschnitt ergeben sich aus der Höhe.

Die Fialen der Türme wurden erst nach Gaudís Tod vollendet. Für den Blick aus der Ferne konzipiert, erscheinen sie als riesenhafte abstrakte Skulpturen in der Form von Bischofsmützen. gleichsam Gegengewicht zu dem figürlichen Schmuck der Portale.

Über einem Kegelstumpf mit abgeschrägter dreieckiger Basis erhebt sich ein kompliziertes System aus Pyramiden, Vielecken und Rhomben. Den Abschluß bilden zwei gekurvte Rechtecke, die, auf der Spitze stehend, an Winkel und Ecke mit einem Blumenkreuz verbunden sind, gerahmt von Kugeln unterschiedlicher Größe. Venezianisches Glas, glasierte Kacheln und Buntsteine formen den leuchtenden Farbüberwurf, der von den sich wiederholenden Inschriften „Hosanna, Excelsis“ überlagert wird.

Sagrada Família1917 vollendete Gaudí den Entwurf für die Westfassade mit dem Portal des Leidens Christi. Die Fassade beschreibt eine Pyramide mit dreieckiger Basis, bestehend aus jeweils drei geneigten Säulen, die eine Aedikula formen. Die extrem gelängte Pyramide dreht an der Spitze in ein Helicoid, das zu den Türmen überleitet. Den Abschluß sollte ein Fisch - das Symbol Christi - bilden. Der geplante Figurenschmuck war im Gegensatz zum Ostportal schlicht, das Hauptgewicht liegt auf dem gekreuzigten Christus am Türpfosten

Nach Gaudís Vorstellungen sollte die Südfront mit dem Hauptportal des Jüngsten Gerichts die Außenansicht beherrschen. In seinen PIänen führt ein 20m hoher Portico zu der Darstellung des Menschen in seinem ewigen Kampf um Vergebung. Vor der Front der Fassade plante er einen Brunnen und ein Leuchtfeuer als Symbol der Reinigung zu errichten. Für jede Fassade waren vier 100m hohe Glockentürme vorgesehen, die zusammen die zwölf Apostel repräsentieren sollten.

Gaudí wählte die traditionsreiche Form der kreuzförmigen Basilika mit einem Hauptschiff - vier Seiten - und drei Querschiffen, Apsis und Wandelgang. Geplant waren zusätzlich zwei Baptisterien und zwei Sakristeien zwischen Apsis und Kreuzgang. Beim Bau der Sagrada Família verwirklichte Gaudí neue Konstruktionsprinzipien, wie z.B. schräggestelite, baumartige Stützen, und führte die Anwendung gekrümmter Flächen zur Vollendung. So befreite er das gotische Pfeilersystem von seinen Nachteilen. Er eliminierte die Strebebogen durch die Anwendung schräggestellter Stützen, die Druck und Schub zugleich aufnehmen. Die lastentragenden Stützen der Sagrada Família befinden sich im Inneren und erinnern an Bäume, nicht nur in ihrer Funktion, da sie Lasten tragen, die voneinander unabhängig sind. Sie gabeln sich an bestimmten Punkten in mehrere Äste, jeder Zweig ist auf den Schwerpunkt des Gewölbeabschnitts gerichtet, den er tragen soll. Die Zweigstützen nehmen zuerst die Lasten jedes Dachabschnitts auf und leiten sie auf die Hauptstützen ab. Jeder dieser hyperboloiden oder hyperbolisch-paraboloiden Gewölbeabschnitte ist mit Stahlstäben armiert. Der geringe Horizontalschub im Gewölbe wird von der Armierung leicht aufgenommen.

Gaudí wählte die gekrümmten Flächen auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Sie waren von den Maurern leicht herzustellen und durch die geraden Stahlstabarmierungen preisgünstig. In vieler Hinsicht nehmen die leichten Backsteinschalengewölbe Gaudís, auf die Beton gegossen wurde, die Stahlbetonschalen unserer Zeit vorweg.

Sagrada FamíliaGaudí erlebte nur noch die Vollendung eines der vier Türme der Ostfassade - des südlichsten, des dem St. Barnabas geweihten. Nach seinem Tod wurden unter der Leitung seines Mitarbeiters Sugranyes, getreu den Originalmodellen und -planen, die drei verbliebenen Turme aufgebaut. Die Arbeiten an den Ostportalen wurden 1935 abgeschlossen; dem Plan Sugranyes', die Sakristeien zu errichten, wurde durch den Bürgerkrieg, in dem Sugranyes fiel, jäh ein Ende gesetzt. Die Bautätigkeit am „Tempel“ wurde 1952 wieder aufgenommen, zum gegenwärtigen Zeitpunkt steht die Westfassade kurz vor der Fertigstellung,

Der Innenraum der Sagrada Família sollte nach dem Willen Gaudís nachts erleuchtet sein, so daß das Licht durch das durchbrochene Mauerwerk nach außen strahlte, als steingewordene Manifestation der Worte Christi:

Ich bin das Licht der Welt!“

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